Chronik

George Bernard Shaw:  "Frau Warrens Beruf"

Februar 2001
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1.-3. Februar 2001: Theateraufführungen (Großer Saal, Gemeindehaus)
Regie: Eigenregie
Musik: Marco Consiglio
Bühnenbild: Christof Brumm, Ralph Schellhase
Beleuchtung: Christof Brumm
Organisation: Elke Moews

  "Paulusblätter" (12/2000):
"Wie schnell ein Jahr vergeht, merkt man in der Paulus-Gemeinde unter anderem daran, dass die Theatergruppe Schattenlichter ein neues Stück auf die Bühne bringt. Denn im Jahresrhythmus führt die Truppe seit stolzen 16 Jahren im Großen Saal Dramen des 20. Jahrhunderts auf.
Diesmal haben sich die elf Schattenlichter George Bernard Shaws Stück 'Frau Warrens Beruf' vorgenommen. Wie bei den Schattenlichtern üblich, handelt es sich um ein zeitkritisches, humorvoll bis dramatisches Stück mit wenigen Rollen und Bühnenbildern, die sich mit einfachen Mitteln realisieren lassen. Die Geschichte ist kurzweilig:
Frau Warrens Tochter Vivie ist eine arbeitswütige Mathematikerin, die bei Erziehern aufgewachsen ist und Ferien und Romantik verabscheut. Nach Abschluss ihres Studiums erfährt Vivie, welchem Geschäft ihre Mutter in Vivies Kindheit und Jugend nachgegangen ist: In einer Gesellschaft, die armen jungen Frauen nur die Möglichkeit zu niedrigen Tätigkeiten gab, hat Frau Warren das Potenzial ihrer Schönheit genutzt und ist Prostituierte geworden. Vivie nimmt an, dies sei längst Vergangenheit, und bewundert ihre Mutter für ihre Stärke und Geschäftstüchtigkeit. Als Vivie aber begreift, dass das Geschäft immer noch läuft, stürzt sie in eine Krise, aus der sie sich nur mit einer klaren Entscheidung für oder gegen ihre Mutter befreien kann.
Shaw stellt Frau Warren als eine durchaus ehrbare Frau dar, die alle Eigenschaften einer guten viktorianischen Dame und Mutter trägt, und zeigt Vivie als hoch gebildet und arbeitsam. Dadurch erkennt der Zuschauer, dass nicht eine einzelne Person, sondern die Gesellschaft Verursacher des Problems ist. Kaum verwunderlich, dass die englische Zensur das Stück nach der Uraufführung 1902 verbot und erst 22 Jahre später wieder freigab.
Wer die Aufführungen der Schattenlichter regelmäßig verfolgt, ist sicherlich gespannt auf die Rollenverteilung. Die Rollen wurden so vergeben, dass fast jeder Charakterzüge aus seiner Lieblingsrolle wieder aufnehmen kann: Susanne Siebentritt spielt Frau Warren und kann nach Molières 'Célimène' (1995, 'Der Menschenfeind') endlich wieder eine exaltierte Frau von Welt darstellen. Frau Warrens Tochter 'Vivie' stellt Elke Moews dar; in dem meist kühlen, manchmal aber auch emotionalen Charakter finden sich Züge von Priestleys 'Inspektor' (1998, 'Ein Inspektor kommt'). Marco Consiglio, der bereits Biedermann (2000), 88-jähriger Kapitän (1991, 'Haus Herzenstod') und Menschenfeind war, spielt Frau Warrens Partner Crofts. Iver Lauermann kann sich nach seinen eher trockenen Rollen als Chorführer und Polizist (2000, 'Biedermann und die Brandstifter') nun als Künstler Praed austoben. Oliver Koths wird als Pastor Gardner, der seine Predigten aufgrund seiner Einfallslosigkeit kaufen muss, weiterentwickeln, womit er das Publikum bereits als dumm-dreister Brandstifter (2000) und als plumper Dichter Oronte (1995, 'Der Menschenfeind') erfreut hat. Seinen charmant-gerissenen Sohn Frank stellt Tobias Schlottke dar, den das Publikum bereits als redegewandten charismatischen Brandstifter und als korrekten Butler kennt. Felix Zemlin, der schon bei Ibsens 'Frau vom Meer' (1997) zwischen Bühnenwelt und Realität wandelte, ist diesmal Präsentator der Szenerie.
Bühnenbild und Technik liegen — nicht zum ersten Mal — in den Händen von Christof Brumm und Ralph Schellhase. Ob es wie in den letzten Jahren eine eigens komponierte Bühnenmusik geben wird, stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest. Sollte der Große Saal Anfang Februar gerade umgebaut werden, weichen die Schattenlichter in die Alte Dorfkirche aus. Ab Januar sind Karten in der Küsterei und im Zehlendorfer Kultur-Kiosk erhältlich. Beim Weihnachtshaus Anfang Dezember haben die Schattenlichter einen Infostand." (elk)

"Jahrbuch Zehlendorf 2001":
"Wie schnell ein Jahr vergeht, merkt die Zehlendorferin Elke Moews vor allem daran, dass ihr Hobby zu einem richtigen Stressfaktor wird und sie dafür eine Woche Urlaub nehmen muss. Denn einmal pro Jahr stellt die Theatergruppe Schattenlichter, die Elke Moews seit 13 Jahren managt, ein neues Theaterstück auf die Beine. Gegründet wurde die Gruppe 1985 in der Zehlendorfer Paulus-Gemeinde als Konfirmandengruppe. Im darauffolgenden Jahr stieß Elke Moews dazu, damals 15 Jahre alt. 'Zuerst spielten wir kleine Theaterstücke und Schattenspiele im Rahmen von Gottesdiensten', erinnert sie sich. 'Doch nach drei Jahren wollten wir mehr: ein richtig abendfüllendes Theaterstück auf die Bühne bringen!' Sie nahm die Organisation in die Hand, und anderthalb Jahre später war es geschafft: 24 jugendliche Zehlendorfer spielten Dürrenmatts 'Besuch der alten Dame' — vor vollem Haus. Seitdem kann Elke Moews nicht von ihrem Hobby lassen. Nicht nur das Schauspielen, das gemeinsame Einüben der Theaterstücke und das Lampenfieber fordern sie heraus, sondern auch die Organisation der Projekte. Jeder kann in der Theatergruppe seine besonderen Fähigkeiten einbringen: Der Zehlendorfer Musik-Referendar Marco Consiglio komponiert seit Jahren die Bühnenmusik, die Ingenieure Christof Brumm und Ralph Schellhase erstellen das Bühnenbild, der Elektrotechniker Tobias Schlottke präsentiert die Gruppe im Internet (www.theatergruppe-schattenlichter.de), Malerin Ortrud Brumm entwirft die Plakate und PR-Referentin Elke Moews macht die Öffentlichkeitsarbeit für die Gruppe. 'Das Spannende daran ist, dass niemand Ambitionen hat, ans Theater zu gehen', so die Germanistin, 'sondern die Gruppenmitglieder völlig konträren Berufen nachgehen — beispielsweise im Hahn-Meitner-Institut oder bei der BfA.' 13 Jahre — das sind 13 abendfüllende Theaterstücke. Für die Zehlendorfer bedeutet dies, mitten im Ortskern regelmäßig mit anspruchsvollen Dramen aus dem 20. Jahrhundert versorgt zu werden. So spielten die Schattenlichter bereits Frisch und Dürrenmatt, Shaw und Priestley, Ionesco und Giraudoux. Gerade geht die Gruppe, die derzeit aus einem Dutzend Zehlendorfern im Alter von 18 bis 40 Jahren besteht, in den Endspurt für 'Frau Warrens Beruf', ein Stück von Shaw, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Prostitution als gesellschaftlichem Problem auseinandersetzt und prompt nach der Uraufführung im Jahr 1902 für zwei Jahrzehnte von der englischen Zensur verboten wurde. Wie üblich gibt es drei Aufführungen: 1., 2. und 3. Februar, 20 Uhr. Karten zum Selbstkostenpreis sind in der Küsterei und im Zehlendorfer Kultur-Kiosk erhältlich und können unter Tel./Fax 8 111 333 und E-Mail schattenlichter@gmx.de vorbestellt werden." (Andrea Anders)
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"SpielArt" (März 2001):
"Am ersten Februarwochenende zeigte die bereits seit 16 Jahren bestehende Zehlendorfer Amateurtheatergruppe Schattenlichter ihre neue Produktion. Wie immer ein prominenter Klassiker mit moralischen Bezügen, war es diesmal Georg Bernard Shaws 'Frau Warrens Beruf' von 1894, der im großen Saal des Paulus-Gemeindehauses in Zehlendorf gezeigt wurde. — Die altersgemischte Gruppe um die Organisatorin Elke Moews bietet einmal jährlich auch sonst dem Theater nicht allzu Nahestehenden eine gekonnte Heranführung an gehaltvolle Dramen, die einen Bezug zum modernen Leben und seinen Wertfragen beinhalten. Nicht Klamauk und Effekthascherei prägen die Darstellungen, sondern die intellektuelle Widerspiegelung und Befragung der Wirklichkeit mit den Mitteln des Theaters, das auch die Möglichkeit zur Identifikation mit handelnden Personen bietet und die Frage, wo man mit deren Lebensentwurf wohl landen würde. — Kitty Warren vermarktete in ihrer Jugend ihren Körper als Prostituierte und legte ihre überschüssigen Einkünfte mit dauerhaftem Erfolg in diesem alten, aber bis heute diskriminierten Gewerbe an. Ihre Tochter Vivie, die als frischgebackene Hochschulabsolventin der Mathematik ihre Mutter besucht, setzt dagegen ganz auf ihren Geist, lehnt in kühler Berechnung Romantik und Muße als Zeitverschwendung ab, denn sie will sich auf das Wesentliche konzentrieren. Nun muss sie jedoch erfahren, dass sie längst in die 'unsittlichen' Geschäfte ihrer Mutter involviert ist, denn nur aus deren Einnahmen hat sie auch ihr Studium finanzieren können. — Überraschenderweise ist die Bühne zu Anfang völlig leer und auch die Souffleuse muss erst in ihren Kasten geführt werden. Doch was im ersten Moment wie eine aus Zeitnot resultierende Panne erscheint, ist die bewusste Hervorhebung der theatralischen Situation, durch die das Spiel als Spiel betont wird. Denn einen reizvollen Rahmen der kurzweiligen Aufführung schafft ein von der Gruppe einfach hinzuerfundener Präsentator, der die Szenenausstattung schildert und nach dessen Worten die erwähnten und benötigten Requisiten, Kleiderständer, Gartenzaun oder Stühle wie im Märchen sogleich herbeigezaubert werden. Und dies zwingt zugleich zur Reduktion der Requisiten auf das Nötigste. Da genügen bereits ein Sonnenschirm und Holzzaun, um die Assoziation eines dörflichen Gartens im Sommer anklingen zu lassen. — Die aktiven Schattenlichter haben ihren Beruf nicht im Theater gesucht, aber dort ein sinnvolles Hobby gefunden, von dessen Ergebnissen nicht nur die Menschen der Zehlendorfer Paulus-Gemeinde einmal jährlich profitieren können. Und auch wir schauen gerne vorbei, denn bereits traditionell ist es stets ein ebenso anspruchsvoller wie anregender Abend." (Franz-Josef Paulus)
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  "Paulusblätter" (3/2001):
"»Licht und Schatten, Gutes und Böses, Leben und Tod, Sinn und Unsinn, Sein und Nichtsein, Lachen und Weinen, Hingabe und Verrat, Hass und Liebe, das sind die Themen der Theaterkirche und des Kirchentheaters. Letztlich bleibt auf der Bühne alles offen. Wer meint, die Anworten schon alle zu wissen, braucht weder Kirche noch Theater.«
Paul Oestreicher, Publizist und Kanoniker an der Kathedrale von Coventry
in 'Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen', Nr. 1/2001 ('Gottesdienst Alles Theater?')


I. In hundert Jahren ist nichts vorbei. Das gilt jedenfalls für das Theater. Nach hundert Jahren zieht jemand die alten Lebensmodelle, die von Dramatikern ins Komödien- oder Tragödiengewand gesteckt worden sind, allemal wieder hervor. Die Bühne wird zum Prüfstand: Menschheit, erkennst du dich wieder? Kein Zufall, wenn zum Beispiel in gleich zwei Berliner Theatern Tschechows 'Möwe' jetzt wieder vom Himmel einer melancholisch verhängten Sehnsucht geholt wird. Da hat das Theater der Urgroßvätergeneration hinweg kommen wollen über Grenzen ihrer Gegenwartsmentalität. Immer wiederkehrende Zielprojektion: geglücktes Leben. Im Rückblick: Erfüllte Träume? Gelungenes Gedankenexperiment? Können Gemüt und Geist auch heute noch von den alten Bildern und Szenen aufbrechen — mit dem Ziel einer Hoffnung, die immer am Horizont bleibt? Sind die alten (und womöglich ewigen) Fragen aufregend geblieben — oder bleibt der Gegenwart nur übrig, darüber zu lächeln wie über alte, etwas zu sperrig wirkende Möbel? Als Bestandteil einer Trilogie widerborstiger Theaterstücke ('Unpleasant Plays') schrieb Shaw vor über hundert Jahren 'Frau Warrens Beruf'. Nichts für prüde Leute, weil die sich in dem Stück womöglich selbst wiedererkannten. Also blieb es nach deprimiere viele Jahre ungespielt; in England war es richtig verboten. Shaw zeigte reale Lebensumstände, über die doch sonst niemand sprach. Verbreitete Heuchelei in der Gesellschaft stellte er bloß. Seid doch ehrlicher miteinander, hieß sein Appell an die Jahrhundertgenossen.
II. Eine junge Frau, die — seinerzeit sowieso selten — zur Trägerin höherer Bildung arriviert ist, muss mit Schrecken die Anstößigkeit ihres Lebenshintergrundes entdecken: Frau Mama, die ihre Karriere in eine höhere Region der Society möglich gemacht hat, hat das offenkundig beträchtliche Einkommen ihrer Existenz als Puffmutter zu verdanken. Die Zahl der von ihr betriebenen Bordelle nimmt sich wie ein kleiner internationaler Konzern aus, und die erwirtschafteten Gewinnspannen liegen in den Verhältniszahlen eines schon gewiefteren Kapitalismus: 33 Prozent. Wer wird sich da wundem, dass die Tochter und Erbin alsbald unter Kennern der Szene und Mitgiftjägern als Ehegattin begehrt ist? Sie aber, die junge Gelehrte, wendet sich unter Naserümpfen entsetzt ab. Ehrliche, stetige Schreibtischarbeit soll fortan ihr Programm sein — und wer demnächst in Gegenwart der Frau Doktorin auch nur eine Anspielung machen wird auf Muttern Karriere und berufliches Umfeld, wird sich auf abweisende Blicke gefasst machen müssen. Über sowas spricht man doch nicht. Mutter und Tochter werden wohl ohnehin endgültig getrennte Wege einschlagen müssen. Tugendverbissen, einsam und stolz will die junge Frau ihr Leben leben. Deutlicher noch als zur Zeit Shaws muss jeder sehen, wie viel Lebenslüge da im Spiel bleiben wird.
III. Nicht nur bei ihrer Stückewahl sind die Zehlendorfer Schattenlichter auf Ehrlichkeit und Nüchternheit aus. Die Szene gibt sich so schlicht, wie es die Mittel gerade erlauben. Schwarz abgehängt die Bühne — dafür, dass vor den Publikumsaugen Interieurs und Gärten erstehen, muss eine Hand voll Requisiten und die Illusion des willigen Zuschauers genügen. Ein 'Präsentator' sagt auch das nicht Sichtbare an, und wenn er von Glas spricht, wird man Tageslicht hereinfluten sehen. Ein unwiderstehlicher Charme von Amateurtheater lässt es einfach nicht anders zu. Eine andere Eigentümlichkeit der Schattenlichter kann man mögen oder nicht — man muss sie respektieren: In ihrem entschiedenen Ensemblegeist fließen bei der Produktion Mitwirkung und Mitverantwortung gleichmäßig zusammen. Auch die Hauptakteure spielen ihre Rollen mit Umräumverpflichtung. Wer Beifall abholen will, darf sich beim Zäune-, Blumenkübel und Stühletragen nicht drücken. Jeder soll und darf aber auch selbst Regisseur sein. Niemand inszeniert; das Ensemble arrangiert sich einfach untereinander. Wenn sich das für die Gruppe als Gemeinschaftserlebnis der Macher zweifellos auszahlt, so hat doch das Publikum bei diesem Verfahren einen gewissen Nachteil auf sich zu nehmen: Manche dialogische Zuspitzung kommt gar nicht erst dazu, kräftig zu pieken. Mancher ironische Pfeil landet doch allzu rasch in der Watte eines szenischen Arrangements, das kaum einmal — wie sehr käme es hier oft darauf an — den Atem anhalten lässt. Doch wo das Wort kaum Pause hat, verliert Shaws Spott viel von seiner Schärfe, seine kalkulierte Bosheit etliches von ihrem Bittergeschmack, mancher Spaß am Allzumenschlichen seine komödiantische Spontanität. Bei dieser systembedingten szenischen Selbstverwirklichung gehen vor allem die männlichen Darsteller reichlich oft in die Vollen. Oft genug (wie sich schon beim Premierenabend erwies), um der Aufführung höchst vergnügte Anteilnahme zu sichern. Manchmal scheint modische 'Comedy'-Clownerie Pate zu stehen, und dann kann sich aufgedrehter Klamauk der einverständlichen Lacher immer wieder gewiss sein. Das Publikum erlebt — und das ist ja nicht wenig — einen unterhaltsamen Abend.
IV. Für die Schattenlichter ist 'Frau Warrens Beruf' ein verhältnismäßig tiefer Griff in die Theatergeschichte: Um mehr als ein Jahrhundert geht die Stückwahl diesmal zurück. Neugier an alten Verhaltensmodellen in der Gesellschaft hat die Hand dabei geführt. Wie viel also ist immer noch dran an den widerborstigen Fragen, die Shaw an seine Zeit adressierte? Was ist übrig geblieben an Verlogenheit, Heuchelei, Prüderie? Shaw, bleibt zu sagen, gab sich selbst nicht schulmeisterhaft. Er dekretierte nicht eine neue Moral. Er beschrieb. Nicht ohne Augenzwinkern. Nicht ohne freundlichen Rippenstoß. Nicht ohne gelegentlich leicht angegiftetes Drängen. Unterm Strich blieb zu erkennen: Er appellierte an Redlichkeit und an Vernunft. Davon weicht die Schattenlichter-Aufführung keinen Schritt ab. Im Dialog zwischen Mutter und Tochter, zwischen Kitty und Vivie Warren, wird es auf die Spitze getrieben: Abseits von allen Staatstheaterposen, deren man sich bei einer so tief im eigenen Existenzverständnis schlürfende Auseinandersetzung gewärtigen müsste, gelingt es beiden Darstellerinnen, zwei Menschenleben in ihren Grundpositionen so zu umreißen, dass man sich der Spannung nicht mehr entziehen kann — der Spannung, die Shaw seinerzeit noch in unverträglicher Konfrontation zeigen musste: Mutter und Tochter — jede in dem Beruf, für die ihr das Leben die unverwechselbare, einzigartige Chance geboten hat. Beide können nicht anders. Müsste die besser gebildete, bevorzugte, allein mit dem 'schmutzigen' Geld ihrer Mutter auf den Lebensweg geleitete, studierte Frau nicht dennoch deutlicheren Sinn für ihre unvergleichliche Lebensbegünstigung haben? Die Frage wird nicht ausgesprochen. Dennoch gibt Shaw sie jedem Leser, jedem Zuschauer mit: Ist Verstand schon genug, um Mitmenschen gegenüberzutreten?
V. 'Lachen und Weinen, Hingabe und Verrat, Hass und Liebe': Themen der Theaterkirche und des Kirchentheaters. Dass sich ein weltliches Gericht in Berlin Ende des Jahres 2000 angesichts gesellschaftlicher Realitäten nicht mehr in der Lage sah, einen Bordellbetrieb zu verbieten, ist wohl eher als unverhoffter Beitrag zu der Diskussionseinladung einzuschätzen, die bei der Stückwahl der Schattenlichter diesmal mitgewirkt hat. Die entsprechende Zeitungsnachricht aus dem vergangenen Dezember ist mit Recht eingewoben in den Schlusstext des 'Präsentators'.
Lehrstück vom Heucheln: Das Theaterhobby formuliert ein Predigtthema, und für die (Zuschauer)-Gemeinde wird bei jeder Aufführung mehr nachwirken als ein vergnüglich zu erlebender Abend." (Frank Pauli)

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  "Paulusblätter" 04/2000:
"Leserbrief zur Theaterkritik 'Frau Warrens Beruf': Frank Pauli zeichnet in PB 3/2001 ein widersprüchliches Bild der Inszenierung. Auch wenn er abschließend von einem 'vergnüglich zu verlebenden Abend' spricht, so findet sich im Text doch eine Reihe von Vorwürfen an das Stück. Bereits zu Beginn stellt der Autor die Schattenlichter in den Zusammenhang der großen Berliner Theaterensembles. Damit wird der Gruppe eine Ehre zuteil, die sie niemals für sich beanspruchen würde und die erkennen lässt, dass der Autor mit völlig unzutreffenden Maßstäben an seine Kritik herangegangen ist. Die Schattenlichter sind ein Laienensemble. Was dem Zuschauer dargeboten wird, ist ohne jegliches Budget in der Freizeit berufstätiger Menschen entstanden. (...) Vier Aspekte: Da Shaw davon ausgehen konnte, dass seine Stücke verboten werden würden, schrieb er sie vor allem für den Leser und beschrieb das Bühnenbild und das Aussehen seiner Charaktere sehr umfangreich. Dies umzusetzen, indem das Bühnenbild schlicht gehalten wird, die Shaw'schen Details aber durch einen Präsentator dargestellt werden, ist eine raffinierte Lösung. – Ein schlichtes Bühnenbild hat nicht zwingend etwas mit Amateurtheater zu tun. Mag sein, dass hier das geringe Budget der Gruppe eine Rolle gespielt hat — wem der 'unwiderstehliche Charme von Amateurtheater' nicht passt, muss wissen, dass er wohl bei den Schattenlichtern fehl am Platze sein wird. Theater will schließlich auch die Phantasie des Zuschauers fordern und ihn zum Denken anregen. Ein Bühnenbild, das jedes Detail vorgibt, produziert satte Zuschauer. Film und Fernsehen sind hierfür die geeigneteren Medien. — Um einem Stück mit langen Dialogen und wenig Bewegung die Monotonie zu nehmen, ist es ein geschicktes Stilmittel, das Stück mit einer zusätzlichen Rahmenhandlung zu versehen und einige komische Elemente einzubauen. Gerade dadurch bekommt ein Stück, dessen Aktualitätsbezug nicht unbedingt sofort ersichtlich ist, seine Legitimation in der heutigen Zeit. Kann man den Versuch, ernsthaftes Theater mit unterhaltenden Elementen zu verbinden, wirklich als 'Selbstverwirklichung' und 'Comedy-Clownerie' abtun? Auch die Einbindung der Schauspieler in die Bühnenauf- und -abbauten lockern in meinen Augen das Stück auf. Die Bemerkung, es dürfe sich niemand 'beim Zäune-, Blumenkübel- und Stühletragen drücken', ganz so, als sei dies unter der Würde eines echten Künstlers, lässt ein hierarchisches Denken erkennen, das selbst beim Großen Staatstheater unappetitlich ist. In Bezug auf die Schattenlichter macht es deutlich, dass Pauli nicht bereit war, sich auf die Philosophie der Gruppe einzulassen. Hat nicht gerade dieser 'Ensemblegeist' in einer Kirchengemeinde eine besondere Berechtigung? — Abschließend möchte ich feststellen, dass es meiner Meinung nach wichtig ist, in einem Bezirk wie Zehlendorf, in dem es kein professionelles Theater gibt, Ansätze wie die der Schattenlichter zu unterstützen. Der große Ansturm — 400 Zuschauer an drei Abenden — zeigt, dass bei den Zehlendorfern durchaus Bedarf und Interesse an dieser Form des Theaters besteht. Schade, dass der Kritiker der Paulusblätter durch falsche Maßstäbe Engagement und Gemeinschaftsgeist von ehrenamtlich Tätigen in ein schlechtes Licht rückt." (Heiko F. Marten)

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