Chronik

John B. Priestley:  "Ein Inspektor kommt"

Februar 1999
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12.-13. Februar 1999: Theateraufführungen (Großer Saal, Gemeindehaus)
Regie: Eigenregie
Musik: Marco Consiglio
Bühnenbild: Ralph Schellhase, Beatrice Wagner
Beleuchtung: Christian André, Katja Ernst, Michael Wever
Organisation: Elke Moews

  "Paulusblätter" (5/1998):
"So einmütig wie in diesem Jahr hat die Theatergruppe Schattenlichter noch nie ihre Stückauswahl getroffen. Während in den vergangenen Jahren lange Abstimmungen an der Tagesordnung waren, war sich das Dutzend Laienspieler diesmal ohne Abstimung einig, welches Stück als Nächstes geprobt werden soll: John Priestleys 'Ein Inspektor kommt'. Das Stück hatte ein Gruppenmitglied vorgeschlagen, ohne es überhaupt gelesen zu haben. Es fiel beim Stöbern in einer Buchhandlung ins Auge, weil es genau die richtige Personenzahl hat, so dass niemand leer ausgeht, aber auch zusätzlich zu den beiden Neuzugängen (zwei Zehlendorfer Studenten) keine weiteren Interessenten gefunden werden müssen. Mit nur 60 Seiten hat 'Ein Inspektor kommt' die ideale Länge, weil aufwändige Kürzungen entfallen und genug Zeit für die inzwischen schon traditionelle selbstkomponierte Theatermusik von Gruppenmitglied Marco Consiglio bleibt. Ein weiterer Vorteil: Das Stück spielt in einem einzigen Bühnenbild, wodurch die Schattenlichter Arbeit, Geld und Platz sparen. Nachdem diese Randbedingungen ideal waren, war es umso überraschender, dass auch der Inhalt des 1912 in England spielenden Stückes sämtliche Gruppenmitglieder begeisterte. Auf kurzweilige Weise zeigt Priestley, welche Folgen unverantwortliches und unüberlegtes Handeln haben kann. In der Form einer Kriminalgeschichte geschrieben, ist das Stück für die Schattenlichter eine Herausforderung, da sie mit dieser Gattung bisher keine Erfahrungen gemacht haben. In die engere Auswahl waren zudem Tschechows 'Onkel Wanja' und Ibsens 'Volksfeind' gekommen — Stücke, die zwar den meisten Schattenlichtern gut gefielen, aber nicht derartig viele Vorteile vereinten wie der 'Inspektor'. — Nachdem die Stückauswahl so unproblematisch über die 'Bühne' gegangen war, konnten noch am selben Tag die Rollen verteilt werden. Abgesehen von zwei Geschlechtsumwandlungen gab es keine besonderen Vorkommnisse. (Der Inspektor wurde zur 'Frau Inspektor', das Hausmädchen zum Butler.) — Von April 1998 bis Januar 1999 wird einmal wöchentlich geprobt; dann sind intensivere Wochenendproben angesagt, da das Stück im Februar 1999 im Großen Saal des Gemeindehauses aufgeführt werden soll." (Elke Moews)

"Zehlendorfer Jahrbuch" (1999):
"Wer im Januar 1999 in Zehlendorf-Mitte das Jaulen von Kreissägen und das Krachen von Hammerschlägen vernimmt, braucht keine Angst vor einer neuen Baustelle zu haben. Die Geräusche sind nur Zeichen intensivster Bühnenbild-Bauarbeiten der Zehlendorfer Theatergruppe Schattenlichter. Im Paulus-Gemeindehaus am Teltower Damm 4—8 gehen die Schattenlichter in den Endspurt für ihr neustes Theaterstück: 'Ein Inspektor kommt' von John B. Priestley. Seit 1985 präsentieren die Schattenlichter im Jahresrhythmus kurzweilig inszenierte Theaterstücke aus dem 20. Jahrhundert. Dürrenmatts 'Besuchs der alten Dame', Frischs 'Andorra' und Ionescos 'Nashörner' zählen zu den bekanntesten Werken, welche die Schattenlichter in den vergangenen Jahren auf die Bühne brachten. — Obgleich sich die Schattenlichter — Zehlendorfer Studenten und Arbeitnehmer zwischen 18 und 33 Jahren — als junge Truppe empfinden, ist vieles in den 14 Jahren des Gruppenbestehens schon zur Tradition geworden: So zum Beispiel die Bühnenmusik, die Musikstudent Marco Consiglio zu jedem Stück komponiert und mit Zehlendorfer Hobbymusikers einübt. Oder das Bühnenbild, das die Gruppe unter Anleitung von Leichtbau-Fachmann Ralph Schellhase selbst zusammenbaut. Auch die Zusammenarbeit mit den professionellen Beleuchtern hat bereits auf zehnjähriges Jubiläum. Bei den Schattenlichtern genügt die Fähigkeit zum Theaterspielen nicht — jeder muss seine zusätzlichen Fähigkeiten einbringen. So entstehen auch Kostüme und Maske, Plakat und Pressearbeit in Eigenregie. — Mit dem neusten Stück haben sich die Schattenlichter einen kleinen Traum erfüllt, indem sie sich statt der sonst üblichen zehn Monate mehr als ein Jahr Zeit zum Proben genommen haben. Das war dringend erforderlich, damit das Hobby weiterhin Spaß macht und nicht zum Stress wird. Schließlich hatten mehrere Schattenlichter Examensprüfungen zu bestehen und sich an neuen Arbeitsplätzen zu beweisen. Nicht zuletzt kommt die Zeitinvestition auch dem Stück zugute: Je mehr Zeit, desto längere Diskussionen über das Stück. Und Diskussionen sind bei den Schattenlichtern, die ohne Regisseur arbeiten, extrem wichtig. Dabei herausgekommen sind zahlreiche Textkürzungen und -aktualisierungen sowie einige Geschlechtsumwandlungen — kurz: ein packendes, aktuelles Stück. — 1912 oder heute, England oder hier, im Haus der wohl situierten Industriellenfamilie Birling: Die Familie feiert die Verlobung ihrer Tochter Sheila mit dem Sohn der Konkurrenz, Gerald Croft. Vater Birling ist sehr zufrieden mit der guten Partie, die seine Tochter macht. Er weidet sich in seinem Erfolg und gibt seinem Sohn und Gerald gönnerhaft zahlreiche Tipps fürs Leben mit. Birling ist der festen Überzeugung, dass jeder nur für sich selbst verantwortlich sei und an sein eigenes Wohl zu denken habe. Schließlich hat er es mit dieser Methode weit gebracht. Doch plötzlich erscheint eine unnachgiebige Inspektorin und ersucht Birling um eine dringende Unterredung: Eine frühere Angestellte der Firma Birling hat Selbstmord begangen. Es entspannt sich eine verwickelte Vernehmung, die Birlings Moral ad absurdum führt. Damit ist Priestley ein Geniestreich gelungen, da er seine mahnenden Worte geschickt in einem spannenden Krimi versteckt und somit auf den erhobenen Zeigefinger verzichten kann. — Priestleys Stück, 1945 geschrieben, ist heute zur Pflichtlektüre im Englischunterricht geworden. Eine Pflichtlektüre, die dazu verleitet, weiter zu lesen als man muss. (...)" (Elke Moews)
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  "Paulusblätter" (2/1999):
"Schattenspiele — kleine Theaterstücke, hinter einer rückwärtig beleuchteten weißen Leinwand gespielt — gaben vor 14 Jahren einer Konfirmandengruppe in Paulus ihren Namen. Davon hat sich die Theatergruppe Schattenlichter inzwischen weit entfernt: Seit 1987 inszeniert die Laienspielgruppe anspruchsvolle abendfüllende Dramen. — Im Februar kommt die neuste Inszenierung zur Aufführung: 'Ein Inspektor kommt' von John Boynton Priestley. Der 1894 in England geborene Autor studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Politik. Seine Zeitstücke haben fast immer das Ziel, 'den Zuschauer aufzurütteln, leere Konventionen und menschliche Rücksichtslosigkeit zu entlarven' (Reclam). — In dem 1946 entstandenen Stück 'Ein Inspektor kommt' setzt er dafür kriminalistische Effekte ein: Eine junge Frau ist tot und ein Inspektor kommt, um die Hintergründe aufzuklären. In überraschenden Wendungen kommt die ganze Wahrheit ans Licht und es wird offenbart, wer für das Verbrechen verantwortlich ist. Mehr wird an dieser Stelle noch nicht verraten! — Das Besondere an der Arbeitsweise der Schattenlichter ist, dass es keinen Regisseur gibt. In Diskussionen einigt sich die Gruppe auf ein Stück und auf die Interpretationslinie. Die gesamte Erarbeitung des Stückes dauert ein Jahr. In diesem Rhythmus haben die Schattenlichter bereits Werke wie Dürrenmatts 'Besuch der alten Dame', Frischs 'Andorra', Ionescos 'Nashörner', Shaws 'Haus Herzenstod' und Molières 'Menschenfeind' in Szene gesetzt. Bühnenbild, Kostüme und Beleuchtung — alles entsteht in Eigenarbeit und ohne professionelle Hilfe. — Die Bühnenmusik komponiert seit mehreren Jahren Gruppenmitglied Marco Consiglio. Musik zu Priestleys Stück kann sehr vielfältige Formen annehmen: Für einen Krimi bietet sich natürlich eine dramatische, spannende und geheimnisvolle Musik an. Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, sich mit einzelnen Charakteren des Stückes oder mit dem Inhalt insgesamt auseinander zu setzen. Man könnte auch eine Einführung in die Stimmung der jeweiligen Szene geben, die auf die Musik folgt. In den beiden sehr unterschiedlichen Vorspielen hat Marco Consiglio eine Kombination versucht. Das Vorspiel zum ersten Akt zeigt die Spannung und auch das Geheimnisvolle, bevor die Musik eine Einleitung in die festliche Dinner-Stimmung der ersten Szene bringt. Das Vorspiel zum zweiten Akt ist hingegen eher wie eine Totenmusik für das Opfer und fordert zur Besinnung auf. Der Komposition liegt Bachs Choralvorspiel 'Wachet auf, ruft uns die Stimme' zugrunde, was den Intentionen des Autors zu diesem Stück Rechnung trägt. (...)" (Elke Moews)

"Berliner Volksblatt" (4.2.1999):
"Die Theatergruppe Schattenlichter inszeniert das Kriminalstück 'Ein Inspektor kommt' von John B. Priestley am Donnerstag, 11., Freitag, 12. und Sonnabend, 13. Februar, jeweils um 20 Uhr im Großen Saal des Paulus-Gemeindehauses am Teltower Damm 4–8. Der Eintritt kostet acht, ermäßigt fünf Mark. Karten sollte man lieber vorbestellen unter 8 111 333."
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  "Berliner Abendblatt" (10.2.1999):
"Seit 14 Jahren gibt es die Theatergruppe Schattenlichter, die jedes Jahr ein neues Stück erarbeitet — und zwar gemeinsam, ohne Regisseur. Dieses Mal bringen sie 'Ein Inspektor kommt' von John B. Priestley auf die Bühne und dieser Inspektor hat den rätselhaften Tod einer jungen Frau aufzuklären. (...)"

"Berliner Zeitung" (11.2.1999):
"Die Theatergruppe Schattenlichter zeigt am heutigen Donnerstag um 20 Uhr das Stück 'Ein Inspektor kommt' von John B. Priestley. Die Premiere ist im Großen Saal des Gemeindehauses der evangelischen Paulus-Kirchengemeinde zu sehen. (...)"

  "Berliner Morgenpost" (13.2.1999):
"Theater: Um 20 Uhr spielen heute die Schauspieler der Theatergruppe Schattenlichter das englische Kriminalstück 'Ein Inspektor kommt' von John B. Priestley im Gemeindehaus am Teltower Damm 4–8. (...)"

"Berliner Morgenpost" (14.2.1999):
"Mit der Aufführung des Theaterstücks 'Ein Inspektor kommt' feiert die Theatergruppe Schattenlichter an drei Abenden ihr 14-jähriges Bestehen. Angefangen hatten die Schattenlichter 1985 mit Schattenspielen. Seit 1987 werden abendfüllende Stücke inszeniert. Einen Regisseur gibt es dabei nicht; alles wird gemeinsam erarbeitet. 'Ein Inspektor kommt' ist ein Stück des englischen Autors John B. Priestley. Es geht um den Mord an einer jungen Frau. (...)" (fb)
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  "Paulusblätter" (3/1999):
"Die Situation ist geradezu dafür geschaffen, das Schicksal herauszufordern: Das Familienoberhaupt, Unternehmer und auch ganz erfolgreicher Kommunalpolitiker, dessen Sohn die ersten Schritte in der Firma macht, hat soeben seine Tochter mit dem Sohn eines noch erfolgreicheren Unternehmers verlobt und obendrein einen Adelstitel in Aussicht. Da lässt man sich schon mal, nach einem harmonischen Familiendinner, im Kreise der jungen Herren zu Sätzen wie diesen hinreißen, 'dass jeder für sich selbst sorgen muss und für sich selbst verantwortlich ist und dass, solange er das tut, ihm nichts geschehen kann'. Nur Rumtreiber 'können reden und schreiben, jeder hätte auf jeden aufzupassen, als ob wir alle zusammengehörten wie Bienen in einem Stock — Gemeinschaft und dergleichen'. Da klingelt das Schicksal ('der Wächter sehr hoch auf der Zinne' in Marco Consiglios Bühnenmusik) 'scharf' an der Haustür, in Gestalt einer Inspektorin. — Die wietere Handlung besteht einzig aus der Konfrontation der Familie mit dem Selbstmord einer jungen Frau, zu dem alle Mitglieder der Familie, einschließlich des frisch gebackenen Bräutigams, durch ihr Verhalten beigetragen haben. Sie alle wollen ihren Teil an der Schuld leugnen oder abstreiten, können es aber auf Grund der eindringlichen Verhörtechnik nicht, die sich daraus ergibt, dass die Inspektorin bereits alle Fakten kennt. — Die einzelnen Familienmitglieder reagieren sehr unterschiedlich auf die Schuldzuweisung. Die jovialen Eltern versuchen es autoritär, der Vater herablassend, die Mutter borniert, und, in die Ecke getrieben, bockig. Der Bräutigam gibt sich auskunftsbereit und bedauernd. Der Sohn stürzt in tiefe Verzweiflung, denn er hat obendrein das Problem, dass seine Eltern schon vor seiner Trinksucht die Augen verschlossen haben. Am meisten auffallend gestaltet sich die Wandlung der Tochter: Am Familientisch war sie noch ein neckisch-naives Gänschen; jetzt erfasst sie die Situation als erste und einzige in ihrer ganzen Tragweite: Sie weiß, dass die Inspektorin ihr durch ihr Wissen überlegen ist und dass ihr nur volle Wahrhaftigkeit helfen kann. — Ebenso merkwürdig, wie die Inspektorin ihr Verhör geführt hat, gestaltet sie auch ihren Abschied, indem sie prophetisch in die Zukunft weist: 'Es gibt Millionen (Menschen), die alle mit unserem Leben verbunden sind, mit dem, was wir denken und sagen und tun. Wir sind füreinander verantwortlich. Und ich sage Ihnen, die Zeit wird kommen, in der die Menschen das lernen werden.' Das ist die Botschaft des sozialistischen Moralisten John Boynton Priestley nach dem Zweiten Weltkrieg — die gleiche, die ähnlich schon der katholische Traditionalist Hugo von Hofmannsthal im 'Jedermann' nach dem Ersten verkündet hat. — Ähnlich fintenreich wie sie schon versucht haben, die Inspektorin direkt zu bluffen, versuchen die älteren Familienmitglieder auch nach deren Abgang, ihre Köpfe aus der Schlinge zu ziehen: Akribisch tragen sie alles Mögliche zu deren Demontage zusammen — rührender Eifer mit der falschen Zielrichtung, vor dem die Tochter mit Recht warnt. Die Quittung dafür kommt umgehend, das Schicksal schlägt endgültig zu, der große schwarze Telefonapparat, der die ganze Zeit über so stumm und so sichtbar an der Wand gehangen hat, läutet, die Darsteller erstarren zum lebenden Bild und im Publikum wird es totenstill: Nun kommt die örtliche Instanz und nun ist der gefürchtete Skandal unabwendbar. — Wieder haben die Schattenlichter ein Stück gefunden, dass ihren Möglichkeiten vollkommen entgegenkommt. Das Ensemble ist überschaubar und das Bühnenbild mit einfachen Mitteln zu erstellen. Außerdem eignet es sich durch seine Aussage gut für die Aufführung vor einer Kirchengemeinde. Und die Schattenlichter erfreuen ihre Fan-Gemeinde wieder mit Spezialitäten, die teils Not teils Tugend oder beides waren oder sind. Zunächst zu den schon vertrauten Geschlechtsumwandlungen: Da ist das Hausmädchen Edna, das zum Butler James mutiert und als solcher, auch sonst sehr würdevoll, in einer hinreißenden Uniform steckt. Tobias Schlottke ist ein Neuer im Ensemble, den wir gerne wieder sehen möchten. Ein wesentlicher Akzent der Inszenierung aber ist die Verwandlung des Inspektors in die Inspektorin Mary Goole. Hier ist eine doppelte Verfremdung geglückt, die sehr dazu beiträgt, die Gestalt geheimnisvoll erscheinen zu lassen. Einmal erscheint es seltsam, dass die Herren Birling und Croft eine Frau in diesem Beruf überhaupt widerspruchslos hinnehmen, und zum anderen steckt sie in einem grauschwarzen, modernen Business-Kostüm, dass ihr in der Gesellschaft von 1913 etwas Außer-Über-Irdisches verleiht. Zudem trifft Elke Moews sehr genau den verlangten, bestimmten Ton, manchmal scharf, manchmal sonor, seltener einfühlsam, der keinen Widerspruch duldet. — Dann hat Marco Consiglio wieder eine spezielle Bühnenmusik komponiert und sie im Programmheft erläutert. Die Rezensentin neigt inzwischen dazu, die Musik unvorbereitet zu hören und die Erläuterungen erst im Anschluss zu lesen. Dabei zeigt sich, dass die Absicht des Komponisten in Themen und Inszenierung sehr klar nachvollziehbar sind. Marco Consiglio hat aber auch diesmal wieder eine tragende Rolle übernommen und darf als Sohn auf der Bühne erstmals jünger sein als im Leben. Die stellenweise recht unreife Äußerung seiner Opposition gegen die Eltern und einer Verzweiflung gelingt ihm gut. — Sein Vater, der zufriendene Schöpfer eines komforablen Hauswesens, wird von Torge Hoffmann mit unverhohlenem, oft plattem Stolz und einem Imponiergehabe, das ins Leere läuft und ihn deshalb irritiert, gut gezeichnet. Susanne Siebentritt, die Kokette aus Molière/Enzensbergers 'Menschenfeind', zeigt die ganze uneinsichtige Borniertheit einer Frau, an derem gesellschaftlichen Dünkel jede Menschlichkeit scheitern muss: Sie ist nicht einmal in der Lage, die Entwicklung ihrer Kinder zu begreifen. Die Tragik gerade dieser Gestalt wird im Spiel gut erkennbar. Oliver Koths, dem Publikum auch schon länger vertraut, gibt de Bräutigam aus gutem Hause bemüht, vordergründig Schaden abzuwenden, aber ohne tiefere Einsicht: Das zeigt sich vor sllem in dem ratlosen Umgang mit seiner Braut. Diese aber, Sheila Birling, ist die eigentliche Trägerin des Stücks. Ihr intuitives Erfassen der Vorgänge wird zum Maßstab des Versagens der anderen, umso mehr, als sie nicht einmal ihren Wandel vom behüteten Dummchen zur scharfsichtigen, zur Verantwortung bereiten erwachsenen bemerken. Claudia Wenhardt als Trägerin dieser Rolle ist ein Glücksfall für die Schattenlichter: Wie sie am Anfang ihren Gerald anhimmelt, wie sie ihre Schuld erkennt, mimisch und gestisch ihre Warnungen vorbereitet, an der Uneinsichtigkeit ihrer Eltern leidet, auch wenn sie am Rande des Geschehen, der Bühne, steht, trifft sie immer den richtigen Ton, die richtige Haltung, auch in gelegentlichen Exaltationen. — Wieder haben die Schattenlichter nach einem Jahr intensiver Arbeit der Paulusgemeinde dreimal einen inhaltsreichen Abend bereitet. Die Gemeinde bedankt sich sehr herzlich dafür und freut sich schon jetzt auf die nächste Inszenierung!" (Inge Plümacher)

"SpielArt" (März 1999):
"Von den beiden grundsätzlichen Methoden der Stückfindung, nämlich entweder aus Improvisationen eigene Assoziationen zu verdichten oder dramatische Werke zu adaptieren, geht die kirchliche Zehlendorfer Gruppe Schattenlichter den letzteren. Seit 14 Jahren nehmen sie sich Jahr für Jahr einen namhaften Klassiker vor und die Chronik von Dürrenmatts 'Der Besuch der alten Dame' über Max Frischs 'Andorra' und 'Biografie: Ein Spiel', Molières 'Menschenfeind' und Ibsens 'Die Frau vom Meer' liest sich wie die Aufzählung von Highlights großer Startheater. Die diesjährige, nicht minder prominente Vorlage — John Boynton Priestleys 'Ein Inspektor kommt' von 1946 — fand ein Ensemblemitglied in einem Buchantiquariat und kommte auch die anderen Freizeitschauspieler zwischen 18 und 33 für dieses moralische Stück um die soziale Verantwortung für den Mitmenschen begeistern. — Emanzipatorischer Zeitgeist oder praktisches Erfordernis — in Zehlendorf ist Priestleys Inspektor Goole, der die selbstzufriedene Scheinharmonie einer Verlobungsfeier stört, eine Frau, nämlich die langjährige Organisatorin der Gruppe, Elke Moews. Schimmerte schon zu Anfang durch, dass dem Fabrikanten Birling die Verlobungsfeier seiner Tochter Sheila vor allem genehm ist, weil sich so auch die Wirtschaftskraft der Crofts vereinigen lässt, so entlarvt die Inspektorin die ganze unsoziale Rücksichtslosigkeit und den Selbstbetrug der versammelten Familie Birling am traurigen Ergebnis einer Frau, die sich soeben selbst umgebracht habe. Der noble Herr des Hauses hatte diese wegen einer geringen Forderung nach höherem Lohn entlassen, die Tochter ihr aus gekränkter Eitelkeit die folgende Stellung in einem Modehaus vermasselt, und auch der männliche Teil hatte eine traurige Rolle in ihrem Leben gespielt. Der eigene Sohn Eric als haltloser Trinker hatte sie im Suff geschwängert und der Verlobte, der einige Monate zuvor angeblich viel zu arbeiten hatte, frönte in dieser Zeit einer Affäre mit der just an diesem Verlobungsabend aus dem Leben Geschiedenen. Die gezielten Fragen der ermittelnden Inspektorin enttarnen auch die biedere Hausherrin als kleinkarrierte und hartherzige Verweigerin ihrer Hilfe, denn, in üblicher Weise karitativ tätig, hatte sie in einem Frauenhilfsverein der Schwangeren jede Unterstützung verweigert, weil diese unverschämterweise ihren Namen missbraucht habe. — Leider kam diese Inspektorin des Gewissens Mitte Februar nur dreimal ins Gemeindehaus der Evangelischen Paulus-Kirchengemeinde in Zehlendorf-Mitte. Ein auch äußerlich passender Rahmen für diese gelungene theatralische Erörterung der sozialen Verantwortung, die sowohl sozialistischer wie christlicher Ethik entspricht, denn Priestley war engagiert in der Labour Party, und die Uraufführung als Anklage des Kapitalismus fand 1946 in der mittlerweile untergegangenen Sowjetunion statt." (Franz-Josef Paulus)
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