Chronik

Dario Fo:  "Bezahlt wird nicht!"

Januar 1998
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15.-17. Januar 1998: Theateraufführungen (Großer Saal, Gemeindehaus)
Regie: Eigenregie
Musik: Marco Consiglio
Bühnenbild: Oliver Hofacker, Ralph Schellhase
Beleuchtung: Kathrin und Michael Wever, Christian André, Felix Kläke
Organisation: Elke Moews


Szenenbild

  "Paulusblätter" (10/1997):
"(...) Grund zur Eile ist gegeben, da mehrere Gruppenmitglieder im kommenden Frühjahr Prüfungen haben, die nicht mit den nächsten Aufführungen kollidieren dürfen. Entsprechend wurde ein verhältnismäßig kurzes Stück ausgewählt: 'Bezahlt wird nicht!' von Dario Fo, uraufgeführt 1974. Nicht nur kurz, sondern auch kurzweilig behandelt es due Arbeiterunruhen im Italien der späten 60er Jahre: Da die Lebenshaltungskosten über die Maße hinaus steigen, beschließen italienische Frauen, zum halben Preis 'einzukaufen'. Doch wohin mit der illegalen Ware, die vor den konservativen Ehemännern versteckt werden muss? Eine ereignisreiche politische Komödie nimmt ihren Lauf. — Das macht sich auch positiv in den Proben bemerkbar: Da lange, schwierige Dialoge rar sind, dafür aber viele lustige Szenen vorherrschen, sind die Proben weniger anstrengend und arbeitsintensiv als gewohnt. (...) Auch die ersten Bühnenbild-Vorbereitungen sind bereits im Gange. Oliver Hofacker und Ralph Schellhase, die im April mit ihrer norwegischen Fjordlandschaft die Mitternachtssonne in den Großen Saal des Gemeindehauses holten, streben diesmal ein dem Stück angemessenes schlichtes Bühnenbild an. Über entsprechende Spenden für die Schaffung einer italienischen Arbeiterwohnung (...) würden sich die Schattenlichter sehr freuen. — Die professionelle Beleuchtung liegt wieder in den Händen von Katja und Michael Wever, die den Schattenlichtern schon seit 1989 die Treue halten. Allerdings gibt es diesmal aufgrund der allgemeinen Einsparungen Probleme: Die Lichtanlage, sonst gegen eine kleine Aufwandsentschädigung im Haus der Kirche ausgeliehen, kostet nun 1.000 DM. Da die Schattenlichter ohne nennenswerte Gewinne arbeiten, sind die Aufführungen in Gefahr, wenn nicht ein beantragter Zuschuss gewährt wird.
Zum Schluss noch eine gute Nachricht: In einer schweißtreibenden Aktion haben die Schattenlichter den gesamten Bühnenraum aufgeräumt und ihre Kulissen entweder entsorgt oder im ehemaligen Kirchenmusikbüro hinter der Bühne untergebracht. So kommt der Raum, der sicherlich einst als Kulissenraum konzipiert war, wieder zu seiner alten Funktion." (Elke Moews)

"Paulusblätter" (12/1997):
"1989 fiel ausgerechnet am Tag der Schattenlichter-Premierenfeier die Mauer. 1990 wurde das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft genau auf den Tag der Schattenlichter-Premiere festgesetzt, und ausgerechnet die deutsche Mannschaft rückte bis ins Finale vor. Da fanden sich die Schattenlichter damit ab, dass sie bei der Terminauswahl nicht gerade eine glückliche Hand haben. mdash; Mit der Auswahl der Stücke sieht es nicht anders aus: Wie oft stellte sich in letzter Sekunde heraus, dass die von den Schattenlichtern gerade geprobten Stücke auch an anderen Berliner Bühnen liefen! — Doch ein Trost bleibt der Theatergruppe: Die ausgewählten Stücke erhalten im Verlauf der einjährigen Probenphase eine Aktualität, an die bei der Auswahl des Stückes noch nicht zu denken war. So ahnte auch niemand, dass Dario Fo im Oktober 1997 den Literaturnobelpreis erhalten würde — vor allem nicht einmal Dario Fo selbst. Und die Schattenlichter proben seit Mai 1997 Dario Fos Stück 'Bezahlt wird nicht!'. — Die Aufführungen werden am 15., 16. und 17. Januar 1998 um 20 Uhr im Großen Saal des Gemeindehauses stattfinden. Natürlich schließen die Schattenlichter bereits Wetten ab, welches herausragende politische oder gesellschaftliche Ereignis just auf den 15. Januar fallen wird. Bis auf diese Unwägbarkeiten ist alles vorbereitet: Das Bühnenbild wurde im Oktober unter Leitung von Oliver Hofacker und Ralph Schellhase erstellt, die Aufführungsrechte wurden ohne Probleme erteilt und dank eines großzügigen Zuschusses des Amtes für Jugendarbeit wirft nicht einmal die erstmals anfallende Entleihgebühr für die Lichtanlage (1.000 DM) die Schattenlichter aus der Bahn. (...) Dario Fo begann seine Theaterarbeit 1968, in der Zeit der Politisierung, die in Italien nicht nur die schulische und studentische Jugend und die Intelligenz erfasste, sondern in sehr viel stärkerem Maße als bei uns auch die industrielle und ländliche Arbeiterschaft. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Franca Rame, einer Schauspielerin aus einer alten Komödiantenfamilie, gründete er 'Nuova Scena', eine Vereinigung von Schauspielern, Musiker, Sängern und Theatertechnikern. Während Fo zuvor lange Jahre an etablierten Bühnen aufgetreten war, wurde nun das Arbeiterpublikum seine neue Zielgruppe. Er spielte in Gewerkschaftshäuserm, Jugendklubs, Vorstadtkinos, auf Marktplätzen und in Sportstadien.

Über 'Bezahlt wird nicht!' schreibt Fo:

»In diesem (...) Stück haben wir uns als Seher verkleidet und eine Prophezeiung gemacht. (...) Dabei haben wir uns der Logik der Dinge bedient, indem wir die Entwicklung von Vorgängen untersuchten und die Resultanten der Untersuchung in eine zumindest tendenziell marxistische Praxis überführten. (...) ''Bezahlt wird nicht!'' (...) entstand im Sommer 1974. Zu jener Zeit sprach man von einer unmittelbar bevorstehenden Krise, von zu erwartenden Kämpfen der Arbeiterklasse gegen die hohen Lebenshaltungskosten, von ganzen Fabriken, die kurzarbeiten gingen. Als wir diese Komödie schrieben, wollten wir unsere Fantasie bis zum Exzess spielen lassen. (...) Doch dann hat uns die Wirklichkeit nicht nur kopiert, sondern auch erheblich überholt. Wir hatten vorausgesagt, dass die Unternehmerklasse die Arbeiterklasse mit größtem Zynismus und mit größter Wucht attackieren würde, um sie in die Knie zu zwingen; dass die Unternehmer die Wirtschaftskrise künstlich vergrößern würden, um die Regierung erpressen zu können; dass innerhalb der Regierung und auch im Innern der Parteien des Bürgertums ein unglaublicher Hickhack entstehen würde. Wir hatten ferner vorausgesagt, dass die Arbeiterklasse, die Menschen in den Stadtrand-Gettos, darauf mit eigenmächtigen Herabsetzungen der Preise für Strom, Gas und Miete reagieren würde und dass sich eine weitere große Erfindung des kämpfenden Proletariats ausbreiten würde: der Einkauf in den Supermärkten zu angemessenen Preisen. (...) So erzählen wir die Geschichte zweier Arbeiterfamilien, die sich abquälen und kämpfen, wobei sie die Waffe des sogenannten ''zivilen Ungehorsams'' gebrauchen. (...) Die Triebfeder, der Schlüssel zum Ganzen, ist — wie schon in den alten Volksfarcen aus dem Neapolitanischen und dem Venezianischen – der Hunger. (...) Zunächst versucht jeder ganz instinktiv, sich auf eigene Weise durchzuschlagen, um dann das Bedürfnis zu verspüren, gemeinsam zu agieren (...), um mehr zu erreichen als das bloße Überleben, nämlich wahrhaft zu leben ''in einer Welt, die vielleicht aus weniger hell erleuchteten Schaufenstern besteht, weniger Autobahnen, aber auch aus weniger Regierungslimousinen und ohne Gauner.'' (...) — Wir haben versucht, diese ganze Situation mit Hilfe eines Theaters der ''Situationen'' zu zeigen, um nicht in ideologisches Didaktieren zu verfallen. Das heißt in einer Weise, die dem epischen Theater entspricht, wo nicht die Personen die Handlung vorantreiben, sondern die Situationen; das Theater als Maschine. (...) — Sie werden bemerkt haben, dass ich immer wieder ''wir'' sage. (...) Nun gut, in Wirklichkeit habe ich den Text niedergeschrieben und alleine zu verantworten, aber von der Lektüre des ersten Entwurfes bis zur Erstaufführung wurde der Text wieder und wieder diskutiert, nicht nur mit dem Kollektiv, sondern auch und vor allen Dingen mit Arbeitern und Avantgarden verschiedener Mailänder Fabriken. (...)« "
(Elke Moews)
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  "Jahrbuch Zehlendorf" (1998):
"Von einer Jugendgruppe kann eigentlich keine Rede mehr sein. Die Gründung der Theatergruppe Schattenlichter liegt 13 Jahre zurück, und aus den damals 14-Jährigen sind Erwachsene geworden. Doch der Elan der Zehlendorfer Laienspieler ist jung und frisch geblieben, wovon sich jährlich rund 500 theaterinteressierte Zuschauer überzeugen. Die Schattenlichter, beheimatet in der Paulus-Kirchengemeinde in Zehlendorf-Mitte, bespielen die Bühne des Großen Saals des Gemeindehauses. In diesem denkmalgeschützten Raum, der rund 200 Zuschauer fassen kann und über eine große Bühne und beste Akustik verfügt, traten nach dem Zweiten Weltkrieg sogar die Berliner Philharmoniker auf. Die Schattenlichter bringen hier im Jahresrhythmus abendfüllende Dramen des 20. Jahrhunderts zur Aufführung. Das heißt, zehn Monate lang wird einmal wöchentlich geprobt, dann folgen intensivere Proben, drei Aufführungsabende und eine einmonatige Pause und es geht mit der Auswahl eines neuen Stückes wieder von vorne los. — Der Name Schattenlichter ist für die Anfänge der Gruppe bezeichnend: In den Jahren 1985 bis 1988 führten die Schattenlichter Schattenspiele auf: kleine Schauspiele hinter einer von hinten beleuchteten Leinwand. Der Effekt: Die Zuschauer sehen nur Schatten. — 1989 feierte die Gruppe ihr erstes 'richtiges Stück': Dürrenmatts 'Besuch der alten Dame'. Die Alte war gerade einmal 16 Jahre alt! Seither standen Stücke von Frisch, Shaw, Ibsen, Ionesco und Giraudoux auf dem Programm."

"Den besonderen Reiz macht für die Mitglieder aus, dass alles selbstbestimmt und selbst gemacht wird. Es gibt keinen Regisseur, und auch Bühnenbild und Kostüme entstehen in Eigenregie. Dennoch ist das Ergebnis recht professionell, da sich jeder in dem Bereich einbringt, der ihm am meisten liegt: Musikstudent Marco Consiglio komponiert Musik und übt sie mit Zehlendorfer Hobbymusikern ein, Maschinenbauer Oliver Hofacker und Leichtbau-Fachmann Ralph Schellhase erstellen die Bühnenbilder, Technik-Freak Michael Wever sorgt für die Beleuchtung, Journalistin Elke Moews für Organisation und Pressearbeit... Derzeit sind wieder Intensivproben angesagt, denn am Donnerstag, dem 15. Januar 1998, ist um 20 Uhr Premiere von Dario Fos sozialkritischer Komödie 'Bezahlt wird nicht!'. (...)" (Elke Moews) nach oben

  "Berliner Abendblatt Zehlendorf/Steglitz" (7.1.1998):
"Auch Zehlendorf hat Dario Fo entdeckt: Die Theatergruppe Schattenlichter bringt ein Stück des Dichters, der 1997 den Literaturnobelpreis erhalten hat, auf die Bühne. Ab Donnerstag, 15. Januar, heißt es 'Bezahlt wird nicht!'. Dario Fo schrieb sein Stück 1974, aber es ist wieder aktuell: Seit Monaten haben Arbeiter eines Vorstadtviertels Mailands ihre Miete nicht bezahlt. Strom und Gas sind bei den meisten abgestellt, Räumungsklagen drohen. Als dann auch noch eine Preiserhöhung ins Haus steht, gehen die Frauen aus Protest bargeldlos einkaufen. Sie verstecken Lebensmittel unter ihrer Kleidung und bringen sie — als Schwangere getarnt — nach Hause. Doch was sollen sie ihren braven Männern sagen? — Das Ganze ist, wie bei Fo üblich, komisch. 'Wir sind überzeugt, dass im Gelächter, im Grotesken der Satire, der höchste Ausdruck des Zweifels liegt, die wichtigste Hilfe der Vernunft', schrieb er über sein Stück. Die Angegriffenen fanden 'Bezahlt wird nicht!' aber überhaupt nicht komisch. Nach der Uraufführung wurde Klage gegen Dario Fo erhoben — wegen Aufforderung zu sträflichem Handeln und gewalttätigem Widerstand. Er wurde freigesprochen. — Die Schattenlichter gibt es seit 13 Jahren. Angefangen hat es mit Schattenspielen — daher der Name der Truppe. Doch seit 1987 inszenieren die Zehlendorfer, die zwischen 20 und 30 Jahren alt sind, in Gemeinschaftsarbeit abendfüllende Dramen. (...)" (Susanne Schilp)

"Berliner Volksblatt" (15.1.1998):
"Als sich die Schattenlichter vor einem Jahr entschieden, Dario Fos 'Bezahlt wird nicht!' auf die Bühne zu bringen, war noch nicht klar, dass der italienische Autor 1997 den Literatur-Nobelpreis erhalten würde. Auch die Thematik des 1974 entstandenen Stückes ist aktuell: Eine Wirtschaftskrise treibt zwei Arbeiterfamilien ins Elend, bis die Frauen die Initiative ergreifen: Sie gehen in den Supermärkten "umsonst" einkaufen – nicht unbedingt zur Freude ihrer Männer. — Seit 13 Jahren gibt es die Schattenlichter in Zehlendorf. Ursprünglich führten sie kleine Theaterstücke hinter einer rückwärtig beleuchteten Leinwand auf — daher auch der Name. Seit 1987 bringen sie einmal im Jahr anspruchsvolle abendfüllende Dramen auf die Bühne des Paulus-Gemeindehauses am Teltower Damm 4–8. Geprobt wird für die jeweils drei Vorstellungen das ganze Jahr, und zwar ohne Regisseur. (...)" (Christian Schindler)
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  "BILD Kultur" (15.1.1998):
"Wenn Lebensmittel schwanger machen — Seine Texte sind wüst und moralisch direkt, für sein Lebenswerk erhielt er im vergangenen Jahr den Literaturnobelpreis: Dario Fo (71). Unumstritten ist er nicht, aber in seiner Heimat Italien ungemein populär. Was mit Sicherheit an seinen an Leidenschaft kaum zu übertreffenden Stücken liegt. Sozialkritik ohne Agitprop, immer temperamentvoll, kurzweilig und witzig. Die Berliner Amateurtruppe Schattenlichter zeigt jetzt einen von Fos größten Erfolgen: 'Bezahlt wird nicht!' (...) Eine Diebeskomödie aus den 70er Jahren. In einem Vorstadtviertel revoltieren Hausfrauen gegen die regelmäßigen Preiserhöhungen. Sie gehen bargeldlos einkaufen: Als Schwangere getarnt, verstecken sie die Lebensmittel unter ihrer Kleidung. (...)" (Wäldrich)

"Radio Eins"(15.1.1998):
Inhaltsangabe und Verlosung von Freikarten.

  "Berliner Morgenpost" (15.1.1998):
"Mit kleinen Theaterstücken, die hinter einer rückwärtig beleuchteten Leinwand gespielt wurden, fing vor 13 Jahren alles an. Diese Schattenspiele gaben der Laienspielgruppe auch ihren Namen: Schattenlichter. Mittlerweile inszenieren die zwölf Zehlendorfer im Alter von 20 bis 30 Jahren abendfüllende Dramen. Neuestes Projekt ist das Stück 'Bezahlt wird nicht!' des Literaturnobelpreisträgers Dario Fo. Das Besondere: es gibt keinen Regisseur, die Gruppe entscheidet gemeinsam. Auch Bühnenbilder, Kostüme und teilweise sogar die Musik werden von den Schattenlichtern selbst entworfen. (...)" (Peter Höpfner)

"Paulusblätter" (2/98):
"Auch Bert Brecht, Leitbild des Dario Fo, hat gezeigt, wie aus einem artigen Staatsbürger ein Rebell und Revolutionär wird: in seiner Dramatisierung von Maxim Gorkis Roman 'Die Mutter', in der mit deutscher Gründlichkeit lange theoretische Passagen vorgelesen und dann szenisch weitergeführt und veranschaulicht werden. — Dario Fo baut dagegen alle nötige Theorie in den Dialog ein, und die Handlung seiner Farce, wie er selbst das Stück 'Bezahlt wird nicht!' genannt hat, wird von einem überschäumenden Aktionismus, entsprungen der oft bis ins Groteske gesteigerten Fantasie seiner Hauptperson Antonia, vorangetrieben. Und dort, wo die Bewegung einmal durch eine längere Erklärung zu stoppen droht, übersteigt die folgende Aktion alles Vorhersehbare: Als Giovanni etwa seinen Wandel vom folgsamen Untertan zum subversiven Rebellen damit erklärt hat, dass er sich von der verantwortlichen Obrigkeit alleingelassen fühlt, entsteigt ein von Antonia besinnungslos gequatschter und geprügelter, ansonsten eher besonders selbstherrlicher Carabiniere einem Kleiderschrank und preist sein wiedergewonnenes (nie verlorenes) Augenlicht und seine — Schwangerschaft. — Die Bonner Republik reicht von Adenauers 'keine Experimente' bis zum 'Reformstau', dem Unwort von 1997. Was von hier aus im Italien des Beinahe-Anarchismus wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit Demokratie, nicht von oben 'für' das Volk, sondern von unten 'vom' Volk. Jeder bewahrt sich zu jeder Zeit sein Mitspracherecht. Und so bezieht denn Fo seine Schlussvision nicht auf die proletarische Internationale, sondern auf die Würde des Einzelnen, nicht als ausgepumpter Maulesel, sondern als freier, zufriedener Mensch zu sterben. — Das Ensemble der Schattenlichter hat etwas Eingewöhnung in die Turbulenz der Handlung gebraucht. Aber besonders Susanne Siebentritt als Antonia war so bald 'da', dass man etwas Italien in Intonation und Gestik ahnen konnte. Marco Consiglio (was für ein Name in diesem Zusammenhang!) war gelöster als sonst, gut in seiner pathetischen Rechtschaffenheit. Elke Moews zeigte, besonders im zweiten Akt, oft sehr hübsch den Zwiespalt, entweder mehr unter der hemmungslosen Fantasie ihrer Freundin oder der eigenen Fantasielosigkeit leiden zu müssen. Oliver Koths als Luigi hatte die eher undankbare Rolle eines Korrektivs für alle. Die Obrigkeit war, einmal subversiv, einmal selbstbewusst, von Felix Zemlin und Niklas Kläke gut vertreten. Da von jungen Menschen nichts schwerer darzustellen ist als das Alter, rettete sich Iseult Rea als Mutter in die skurrile Überzeichnung, ein in dieser Umgebung durchaus mögliches Hilfsmittel. — Nicht nur, was das Ensemble, sondern auch, was ihre technischen Möglichkeiten betrifft, haben die Schattenlichter wieder einmal aus der Not eine Tugend gemacht: Das Interieur ist stilsicher stillos zusammengestoppelt, und der Zuschauerraum ist geschickt einbezogen worden. Die Zwischenmusik wurde selbst (Marco Consiglio) und leicht komponiert und leicht dargeboten. — Das Premierenpublikum und das Ensemble hatten zu Beginn leichte Schwierigkeiten, zueinander zu finden, aber die Stimmung wurde zusehens entkrampft und fröhlich, die Pausengespräche klangen interessiert und der Schlussbeifall war abermals lang anhaltend."
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