Chronik

Henrik Ibsen:  "Die Frau vom Meer"

April 1997
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24.-26. April 1997: Theateraufführungen (Großer Saal, Gemeindehaus)
Regie: Eigenregie
Musik: Marco Consiglio
Bühnenbild: Oliver Hofacker, Ralph Schellhase
Beleuchtung: Michael Heinrich, Kathrin Wever
Organisation: Elke Moews


Szenenbild

  "Paulusblätter" (11/1996):
"Die Isolation in der Großstadt Berlin ist nicht so extrem, wie es oft angenommen wird. Oft genügt ein kleiner Anlass, um aus scheinbaren Robotern freundliche Individualisten zu machen. Wie unlängst, als ich für unser neues Theaterstück eine Gartenbank ins Gemeindehaus zu transportieren hatte. (...) Am S-Bahnhof angekommen, ist die Bahn natürlich gerade weggefahren. Macht nichts. Ich nehme auf meiner eigenen Bank Platz, richte sie mir auf dem Bahnsteig gemütlich aus. Ich sitze keine Minute, als eine Frau um die Fünfzig über den Bahnsteig eilt, meine Bank ins Visier nimmt und sich zu mir setzt, mit den Worten: 'Das ist doch mal ein netter Service.' Offensichtlich geht sie davon aus, dass die Bahn es vorzieht, statt die bereits vorhandenen größeren Bänke von Taubendreck und Staub zu reinigen, neue saubere Bänke aufzustellen. In unserer Wegwerfgesellschaft gar kein abwegiger Gedanke! Als ich andeute, dass ich meine Bank nach Zehlendorf-Mitte transportiere, schaut sie entsetzt und verlegen und will schon wieder aufstehen. 'Nicht nötig', erwidere ich. 'Es ist doch Platz für zwei.' Und ich erkläre, dass wir die Bank fürs Theaterspiel in Paulus benötigen. Da gerät die eben noch Verlegene in Fahrt. Dass es die Paulus-Gemeinde noch gibt... Wie viele Jahre sind eigentlich seit der Konfirmation ihrer eigenen Kinder in Paulus vergangen? Ach, und Theater wurde damals ja auch schon gespielt. Rolf Hürter hieß damals der Gruppenleiter... (...) In der S-Bahn werde ich mit großem Hallo empfangen. Man macht mir Platz, so dass ich meine Bank abstellen und mich darauf setzen kann. Witze und Geplänkel. 'Wenn Sie Ihre eigene Bank mitbringen, müssen Sie gar nicht bezahlen', überlegen ein paar ältere Damen. Au weia, das hatte ich tatsächlich ganz vergessen! (...) Schließlich ist das Gemeindehaus erreicht und ich bin sogar pünktlich vor Beginn der Theatergruppe angekommen. Der Saal ist noch abgeschlossen. Also habe ich Zeit, mich ein wenig zu setzen. Da es nieselt, stelle ich die Bank unter dem Vordach des Gemeindehauses auf. 'Das ist ja schön, dass hier jetzt eine Bank steht', sagt man mir. Andere Paulaner freuen sich: 'Das sieht ja gemütlich aus!' und 'Tolle Idee!'. Es tut mir richtig Leid, dass ich die Bank schon nach weniger Minuten wegnehmen muss. Sie ist schließlich für die Bühne im Großen Saal bestimmt. Aber seinen Sie nicht traurig! Wir proben ja nur einmal pro Woche. In der restlichen Zeit können wir Ihnen die Bank gerne leihen, falls Sie damit auch einmal S-Bahn fahren oder Ihre Armmuskeln trainieren möchten. Oder sich einfach vor das Gemeindehaus setzen wollen und gerne Gesellschaft hätten. Diesen Service bietet die Theatergruppe natürlich kostenlos. Eventuelle Spenden werden wir zur Schuldentilgung der Pauluskirche verwenden."
(Elke Moews)

"Berliner Abendblatt – Zehlendorf" (23.4.1997):
"Ein volles Jahr dauert es, bis die Zehlendorfer Theatergruppe Schattenlichter ein neues Stück erarbeitet hat. Denn es herrscht kein Regisseur, sondern Basisdemokratie. Doch nun ist’s vollbracht: Vom 24. bis 26. April zeigt die Truppe 'Die Frau vom Meer' von Henrik Ibsen. — Es geht um die Frau Ellida, die zwischen gesicherter bürgerlicher Existenz und Abenteuerleben wählen muss — zwischen Ehemann und Arzt Dr. Wangel und dem fremden Seemann, dem sie einst ein Heiratsversprechen gegeben hatte und den sie längst tot glaubte und eigenlich gar nicht liebt. Doch er billigt ihr eine eigene Entscheidungsfähigkeit zu... — Die Schattenlichter feiern mit dieser Ibsen-Inszenierung ihr zwölfjähriges Bestehen. Angefangen haben sie als Laienspielgruppe, die hinter einer beleuchteten Leinwand spielen — daher der Name der Truppe." (Susanne Schilp)
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  "Zehlendorfer Volksblatt" (24.4.1997):
"Ursprünglich brachten sie kleine Theaterstücke hinter einer rückwärtig beleuchteten Leinwand auf die Bühne — doch inzwischen macht die Zehlendorfer Theatergruppe Schattenlichter richtiges Theater. 'Die Frau vom Meer' von Henrik Ibsen hat am heutigen Donnerstag, 24. April, um 20 Uhr Premiere im Paulus-Gemeindehaus am Teltower Damm. (...) Wie bei den seit zwölf Jahren existierenden Schattenlichtern üblich, gibt es keinen Regisseur." (CS)

"Paulusblätter" (6/1997):
"Voll im Trend lagen die Schattenlichter mit ihrer jüngsten Inszenierung. Offenbar hat die postmoderne sozialkritische Gesellschaft Bedarf an 'sozialkritischem Realismus', 'beschränkt auf den kleinen, überschaubaren Rahmen der Familie'. Allerdings scheint schon Ibsen Zweifel daran gehabt zu haben, dass das Problem einer Frau, die zu jung einen Witwer geheiratet hat mit zwei Kindern, die beinahe ihre jüngeren Geschwister hätten sein können, abendfüllend ist. Er überhöht also die etwas magere Handlung durch einen Griff in die Märchenkiste: Magische Kräfte ziehen sie an den Ort ihrer Jugend zurück. Dort hat sie sich einem Seemann und mit ihm zusammen dem Meere anverlobt und fühlt sich nun, da der inzwischen totgeglaubte lebt, erneut in seinem Sog. (...) Die Konflikte um die Frauen (es gibt auch einen um die ältere Tochter) lösen hier immer noch die Männer. Der hilflos bemühte Ehemann spricht im letzten Augenblick das rettende Zauberwort aus, nachdem es ihm seine Frau lange genug souffliert hat, und der abgeklärte Oberlehrer zeigt sich — Missverständnisse hin oder her — als Beherrscher aller Situationen. (...) Die "Schattenlichter" haben rigoros gestrichen und so ein kleines Stück geschaffen, keine Komödie, aber doch etwas zu häufigem Schmunzeln und zu leisem Lachen, vielleicht nicht beabsichtigt, aber doch gut geraten. Diese Spiellage wird auch von den Darstellern getragen: Marco Consiglio als gestandener Familienvater war nicht dröhnend, sondern hölzern. Heiko F. Marten war als Oberlehrer auch den eigenen Problemen gegenüber völlig erhaben. Christian André, der Künstler, kreiste förmlich um sich selbst. Und Oliver Koths, der Fremde, war — mit allem anderen hätte man von der Fabel, nicht vom Text her, gerechnet — hoffnungslos nüchtern und bieder. Elke Moews als ältere Tochter mit den Pflichten einer Hausfrau und der Sehnsucht nach 'Höherem' wäre etwas verkrampfter, vielleicht auch bitterer, denkbar gewesen. Linda Müller war ein herrlich trampeliger Teenager. Felix Zemlin als 'Mädchen für alles' war ein vollkommen lockerer Wanderer zwischen allen Ebenen des Illusions-Betriebes. Schließlich Iseult Rea, die als tragende Gestalt die ursprüngliche Lage des Schauspiels durchzuhalten hatte: Sie wurde ihrer Aufgabe ohne Abstriche gerecht, mit leiser, melodiöser Stimmführung, nie ganz real, nie kitschig. Ihre eher etwas durchsichtige Erscheinung und die 'wässrigen' Farben ihres Kostüms haben sie dabei wirkungsvoll unterstützt. (...) Zum guten Schluss: Es war wieder ein schöner, bedenkenswerter Abend, auch unter dem Gesichtspunkt, wie viel Einsatz ihm vorausgegangen ist, nicht nur im Problem der Materialbeschaffung, dem Einsatz der künstlerischen Fertigkeiten, sondern auch in den Absprachen mit der Gemeinde, der Bewältigung der Technik und dem Einsatz der Medien, bis hin zum Kartenverkauf und zum kalten Buffet. Überall haben die Schattenlichter ihren festen Platz, und wir alle wünschen und sehr, dass das so bleiben möge." (Inge Plümacher)
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